Der folgende Text ist zwar nicht mehr besonders aktuell, sondern vor mehr als fünf Jahren für ein Tourismus-Magazin entstanden, aber zur Planung des nächsten Frankreich-Urlaubs vielleicht zu gebrauchen. Ich habe ihn hier mal reingestellt, weil es vor Anfang/Mitte kommender Woche sonst keine Einträge geben wird. Und irgendwie passt er ganz gut in die Savoir vivre-Kategorie.
Fünf Jahre braucht ein Apfelbaum, bevor er Früchte trägt. Und wenn er in der Bretagne oder in der Normandie wächst, stehen die Chancen gut, dass sie nicht gegessen, sondern getrunken werden: Buvez la pomme!
Wie so oft waren es Mönche, die entdeckten, dass sich eine einfache Frucht und ihr Saft zu einem anregenden Getränk veredeln läßt. Seit dem zwölften Jahrhundert produzierten die Klöster Cidre. Aber die Selbstversorger hinter Klostermauern genossen diesen kleinen Luxus des Alltags nicht lange allein. Schon bald kelterten auch die bretonischen Bauern fleißig, um übers Jahr zu Galettes und Crèpes nicht fades Wasser trinken zu müssen. Und wie der Apfelanbau selbst, so wurde auch die Cidre-Herstellung im Laufe der Jahrhunderte zu einer komplexen Angelegenheit, in die Handwerk, Erfahrung und Wissen einflossen.
Das beginnt schon beim Grundprodukt: 4000 Sorten gibt es auf der Welt, was den Apfel zur Kulturpflanze mit den meisten Arten macht. Aber nur etwa 300 davon eignen sich als pommes à cidre. Und wie beim Wein die Auswahl der Rebsorte, so bestimmen auch hier die verarbeiteten Sorten den späteren Geschmack. Die Cidre-Äpfel lassen sich in vier Richtungen unterteilen: les douces (süß), les amères (bitter), les douces amères (süß-bitter) und les acidulées (sauer). Klar, dass jeder Produzent das Geheimnis, welche Sorten er untereinander mischt, streng hütet…
Ganz und gar nicht geheimnisvoll ist die eigentliche Produktion. Wer die Bretagne oder die Normandie bereist, kann bei verschiedenen Museen und Herstellern einen Zwischenstopp einlegen und dort erfahren, wie der Apfel in die Flasche kommt. Eine Möglichkeit liegt ganz nah am Meer, nämlich am Golf von Morbihan: Der Rundgang durch La maison de la pomme et du cidre in Le Hézo bei Vannes beantwortet alle Fragen an Hand von vielen Exponaten und Schautafeln. Selbst die große Bedeutung des Apfels in der Kulturgeschichte wird berücksichtigt – vom “Sündenfall” bei Adam und Eva über Wilhelm Tells Apfelschuss bis zu Isaac Newtons Fall-Experimenten. Immerhin 8000 Besucher jährlich besuchen La maison de la pomme et du cidre, das 1998 von Michel Coudray in Privatinitiative gegründet wurde.
In der Zeit von Mitte September bis Mitte November gehen die Bauern über ihre Obstwiesen und rütteln die Äpfel von den Bäumen, um sie aufzulesen. Die Äpfel werden in einem von Hand per Schwungrad oder mit einem Motor angetriebenen Hexler zu einem sämigen Brei zerkleinert. In eine große Presse gefüllt, wird das Apfelmark dann ausgepresst. Die Pressen der handwerklichen Cidre-Produktion, von denen man in Le Hézo etliche eindrucksvolle Exponate sehen kann, sind mit den Keltern in den Weinkellern vergleichbar. Der Pressvorgang dauert mehrere Tage. Immer wieder muss der Druck in der Presse erhöht werden. Das Gesetz der Hebelwirkung und ein langer Balken helfen, auch den letzten Tropfen Flüssigkeit aus dem Apfelbrei zu pressen. Und in der Primär-Wirtschaft eines herkömmlichen bretonischen Hofes finden schließlich auch die Pressreste noch eine Verwendung als Futtermittel. Vom Pressvorgang bis zur späteren Fassentnahme muss jeder unkontrollierte Kontakt der Flüssigkeit mit Luft vermieden werden. Der ausgepresste Saft wird gefiltert und – zumindest bei der handwerklichen Herstellung – noch immer in Eichenfässern abgefüllt. Bei zehn bis zwölf Grad Celsius in einem kühlen Keller findet dann der Gärprozess statt. Für die spätere Qualität kommt es noch einmal ganz entscheidend auf den richtigen Moment der Abfüllung in Flaschen an. Längst verwenden die Cidre-Produzenten bei der Qualitätskontrolle moderne Instrumente, beispielsweise Densimeter zur Messung des Zuckergehaltes. Vor allem für die Etikettierung ist der Zuckergehalt bedeutend und entscheidet, ob brut oder sec (trocken), doux (lieblich) oder gar très sucrè (sehr süß) auf der Flasche steht. Die wichtigsten Entscheidungen bei der Cidre-Herstellung aber fällt immer noch der erfahrene und feine Gaumen des Produzenten.
Das Endprodukt hat gewöhnlich einen Alkoholgehalt von 5 Volumenprozent – etwa so viel wie ein Bier und weit weniger als Wein. Wenig Alkohol und so viel Kalorien pro Glass wie ein 100 Gramm schwerer Apfel versprechen Genuss ohne Reue. Der Rundgang durch La maison de la pomme et du cidre findet in einer Verköstigung, bei der ein Cidre doux und ein Cidre brut probiert werden können, einen feinen und im Eintrittspreis inbegriffenen Abschluß.
Öffnungszeiten: April – Juni, September – Oktober: Täglich, außer Montag, 14.30h-19h; Juli – August: Täglich, außer Montag, 10h-19h Eintrittspreise: Erwachsene: 8 Euro Kinder (8-12): 5 Euro Kinder (-8): gratis Für Kinder steht ein kleiner Spielplatz zur Verfügung; Einkaufsmöglichkeiten (Cidre, regionale Produkte) gibt es in einer angeschlossenen Boutique. Anfahrt: Aus Richtung Vannes über die N 165 in Richtung Nantes, dann auf die D 780 in Richtung Sarzeau, La maison de la pomme e du cidre liegt kurz vor Le Hézo unmittelbar an der D 780 und ist ausgeschildert. Anschrift: La maison de la pomme et du cidre, Route de Lann-Vrihan, 56450 Le Hézo; Tel/Fax: (0033)297/264740. Keine Gewähr für die Richtigkeit und Aktualität dieser Angaben!