Archive for the ‘Audiophiles’ Category

Sara Tavares: Balancê

Mittwoch, Februar 21st, 2007

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Was für eine Stimme! Sie klingt glockenhell und windet sich locker, leicht und schwerelos durch die komplizierten Texte einer Sprache, mit der kaum ein Mitteleuropäer etwas anfangen kann. Es ist die Sprache von Einwandererkindern, wie Sara Tavares erklärt: “Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, dann sprechen wir eine Mischung aus portugiesischer Umgangssprache, Slang aus Angola und kapverdischem ‘crioulo’, das wiederum viele Lehnworte aus dem Englischen und Französischen enthält.” Wer sich zu solchen Texten jetzt eines dieser Watte-Stimmchen vorstellt, wie sie in “audiophilen” Produktionen gerne in ein wohlfeil-exotisches Latin-Kleidchen gesteckt werden, befindet sich auf dem Holzweg. Sara Tavares’ Stimme hat Kern und Kontur. Sie musste früh lernen, sich durchzusetzen.

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Sara Tavares wuchs ohne Eltern auf. Ihr Vater ging nach Amerika, und auch die Mutter verschwand. Eine ältere Portugiesin kümmerte sich um das Mädchen. Als Fünzehnjährige gewann Sara Tavares den Ausscheidungswettbewerb für die Teilnahme am Eurovision Song Contest in Dublin 1994. Dort erreichte sie den achten Platz. Zumindest in Portugal war sie jetzt bekannt; sie trat regelmäßig im Fernsehen auf. 1996 erschien ihr Debüt-Album “Shout”, 1997 nahm sie für die Walt Disney-Produktion “Der Glöckner von Notre Dame” den Song God Help The Outcast auf - Sara Tavares war auf dem Weg ein Mainstream-Markenartikel wie Whitney Houston zu werden. In dieser Zeit lernte der nigerianische Musiker und Produzent Lokua Kanza sie kennen. Er hatte sich durch die Arbeit mit Leuten wie Ray Lema, Papa Wemba, Manu Dibango, Miriam Makeba und Youssou N’Dour einen Namen gemacht und konnte Sara Tavares davon überzeugen, ihr nächstes Album mit ihm zu produzieren. 1998 stellte sie ihre öffentlichen Auftritte ein, reiste nach Afrika, arbeitete mit Künstlern von den kapverdischen Inseln zusammen. Im Jahr 2001 erschien mit “Mi Ma Bô” ihr zweites Studioalbum. Angeblich fand es “international viel Anerkennung”. An mir ging es vollkommen vorbei; aber das gilt für jede Form portugiesischer Musik außerhalb so bekannter Acts wie Mísia und Madredeus.

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In der Populärmusik der Gegenwart liefert die sprichwörtliche “schwere Kindheit” oft den Grund für dreckige Zoten, die im Sprechgesang vorgetragen und von schmierigen Gesten begleitet werden. Sara Tavares geht einen anderen Weg, den Weg der Sanftmut. Ihre Musik bohrt sich mit der Wucht eines Wassertropfens, der bekanntlich einen Stein aushöhlen kann, ins Ohr. Dabei hilft ihr die beschwörende, trance-artige Wiederholung des immer selben Satzanfangs wie in amor é oder eine Melodie, die ohne jeden Widerhaken ins Ohr gleitet und sich dort über Tage dort einnistet, wie in bom feeling. Das Wunderbare dabei: Ihre Musik klebt und schwitzt nicht. Sie ist spielerisch und nachdenklich, heiter und melancholisch und benötigt dafür, um glaubwürdig zu sein, keine ironische Brechung. Einen schmalen Grad zwischen ambitioniertem Songwriting, Weltmusik, Ethno-Pop und Formatradio-Tauglichkeit schreitet Sara Tavares da ab. Noch gelingt ihr der Spagat. 

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Kritik? Ja. Und zwar an der Produktion. Einzelne Titel haben geradezu “audiophile” Qualitäten und sind exzellent produziert (Produktion/ Arrangement: Sara Tavares, Aufnahme: Jorge Barata, Editing: Sara Tavares und Samuel Henriques). Darum zählen für mich vor allem das sparsam instrumentierte guisa sowie de nua, der letzte und durch Trommeln afrikanisch eingefärbte Song, zu den Höhepunkten dieser CD. Das sind feine audiophile Perlen. Bei anderen Titeln drängeln sich fast zu viele Saiten- und Percussion-Instrumente im Klangbild nach vorn, und die Stimme von Sara Tavares gerät fast zu stark in den Hintergrund. Der enorme Druck, der sich bei einem Titel wie dam bô im Bass aufbaut, kann dann auch mal nerven. Auf der anderen Seite leben Sara Tavares’ Lieder von den sich locker entfaltenden, tänzerischen Rhythmen, und ein Trommelschlag, der irgendwo weit hinten im Klangbild verpuffen würde, könnte eigentlich gleich zuhause bleiben. Er ginge in diesem lebhaften Sinnenfest sowieso unter.

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Die Musik von Sara Tavares klingt wie ein Sommer zwischen schattigem Liegestuhl und sonnigem Pool, zwischen fröhlichem Strandleben und traurigen Büchern und auf jeden Fall wie ein Leben in Balance - Balancê!

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Hier ein paar Links für Interessierte:

Ein Video mit einem Interview zu Balancê.

Ein Video mit dem Titelsong.

Weitaus interessanter finde ich jedoch:

Diesen Live-Auftritt im niederländischen Fernsehen.

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Der Artikel nimmt Bezug auf diesen vorherigen Eintrag in meinem Weblog.

Pepe Justicias: trece noches

Sonntag, Januar 21st, 2007

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Im typischen Flamenco-Ensemble blieben geradezu archaische Musizierweisen erhalten: Canta – der Gesang, Palmas y jaleos – Händeklatschen und Rufen, Taconeos – das rhythmische Stampfen von Tänzerinnen und Tänzern, Bateria – eine Vielfalt an Percussionsinstrumenten. In dieser Umgebung kommt es für einen Gitarristen nicht auf einen besonders schön modulierbaren und lange nachklingenden Ton an, sondern auf Durchsetzungsfähigkeit. Eine Flamenco-Gitarre muß laut sein. Darum haben die Instrumente eine besondere Bauform. Sie sind schmaler als normale Konzertgitarren, und Decke, Boden und Zarge sind dünner ausgeführt. Hinzu kommt eine besondere Spielweise mit einem großen Repertoire an Zupf- und vor allem Schlagtechniken. Wenn Pepe Justicia spielt, dann ist er von Carlos Santana auch nicht weiter entfernt als von Andrés Segovia. Die Gitarre entfaltet unter seinen Händen einen geradezu explosiven, extrem dynamischen Klang – das „rockt“. Der Horizont des Spaniers ist weit. Pepe Justicia fühlt sich von Paco di Lucia und Carlos Santana über klassische Komponisten wie Tárrega, Albeniz und Sor bis hin zu den Beatles oder Credence Clearwater Revival beeinflusst. Er hat wichtige Preise bekommen und mit Stars wie Nina Corti gearbeitet.Die Stücke auf seiner neuen CD, trece noches (= dreizehn Nächte), sind rhythmisch sehr variabel. Einerseits ist diese Vielfalt der Rhythmen, die manchmal sogar innerhalb eines Stückes wechseln, im Flamenco immer schon angelegt, schließlich unterscheiden sich seine verschiedenen Formen nach dem jeweils zugrunde liegenden Tanzrhythmus wie Tangos, Tanguillo Buleria, Rumba und so weiter. Doch Pepe Justicia ist noch weiter gegangen und betont die rhythmische Vielfalt, indem er mit nicht weniger als fünf verschiedenen Percussionisten an den Stücken für trece noches arbeitete (und überraschender Weise sogar mit einem deutschen Trompeter, nämlich Bernhard Münchbach).

Der Flamenco ist eine widersprüchliche Kunst – enorm stilisiert in seinen Ausdrucksmitteln und gleichzeitig spontan im Ausdruck selbst, immer aber: mitreißend. Pepe Justicia spielt ihn mit äußerster Virtuosität und großer Hingabe. Dicke Empfehlung für trece noches!

Tracklist: 

1. Amantes (Tangos)
2. Calor de pasion (Tanguillo Buleria)
3. Estrepito (Rumba)
4. Cuando se acaba (Seguiriya)
5. Reflejos (Bulerias)
6. Cuestion de piel (Bossa Rumba)
7. Los días solitarios (Taranta)
8. Ritmo de ilusión (Solea por Bulerias)
9. La Gringa (Rumba)
10. Fuego frío (Alegrias)
11. Contraste (Sevillanas)
12. Como un soneto(Solea)
13. Un adiós lejano (Balada)

Dieser Text befindet sich noch in der Überarbeitung. Wenn er fertig ist, wandert er ins Magazin.  

 

Ergänzung vom 22.01.2007:

Die Aufnahmen wurden von dem Gitarristen Thomas Vogt abgemischt. Er betreibt in Freiburg ein Tonstudio und hat viel Erfahrung mit Gitarrenaufnahmen. Die Musik klingt enorm dynamisch, druckvoll und vorwärts gerichtet. Für meinen Geschmack springt sie den Hörer fast zu direkt an. Das Stereo-Panorama ist breit. Pepe Justicias Gitarre kommt für meinen (allerdings auch sehr puristischen) Geschmack etwas zu groß rüber. Aufnahmetechnisch ist das wegen einer relativ “dichten” Mikrofonierung eher am Pop oder Jazz orientiert, als an dem Ideal, den Klang der Instrumente im Raum aufzuzeichnen (wie das Klassik-Labels wie beispielsweise MDG oder Tacet machen). Trotzdem: Das lebendige und direkte Klangbild passt gut zur Musik.

Platten unterm Mikroskop und Mercury Records

Freitag, Dezember 29th, 2006

Wer schon immer einmal etwas genauer hinsehen wollte

Wer sich für das Mercury-Label interessiert … 

Leider nur auf English.

Endlich komplett

Donnerstag, Dezember 28th, 2006

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Eigentlich bin ich gar kein typischer Label-Sammler und auch kein Original-Fanatiker. Eine exzellent erhaltene SPA ist mir jederzeit lieber als eine verschrumpelte SXL. Und auch Teldec-Pressungen von Decca-Aufnahmen kann ich problemlos akzeptieren (mein Geldbeutel sowieso). Aber irgendwann hatte es sich ergeben, dass der Dvorák-Zyklus von Istvan Kertesz auf Decca SXL sich nahezu vollständig in meinem Plattenregal angesammelt hatte. Da packte mich denn doch der Ehrgeiz, die Sache komplett zu machen.

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Jetzt hat’s geklappt. Das dunkle Cover rechts oben dient nur der Symmetrie auf dem Foto. Es ist Decca SPA 87 - Kertesz frühere Aufnahme mit dem Vienna Philharmonic Orchestra oder auf Hochdeutsch: den Wiener Philharmonikern als UK-Nachpressung.

Ich freue mich!

Calefax Reed Quintet

Montag, November 6th, 2006

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Eine meiner Lieblingsaufnahmen, wenn ich herausfinden möchte, was eine Hifi-Komponente kann: Das Calefax Reed Quintet in einer Aufnahme des Labels MDG aus dem Jahr 1995. Die Aufnahme kommt - ob im Text erwähnt oder nicht - bei so gut wie jedem Hörtest zur Anwendung. Das Ensemble hat auch eine Internetseite.

Decca-Tree

Montag, Oktober 30th, 2006

Eine schöne Erklärung zum Decca-Tree, einer am Anfang der Stereo-Zeit von den Decca-Toningenieuren entwickelten Art und Weise, die Mikrofone für eine Aufnahme zu platzieren, findet man hier.

Audiophiles Vinyl

Sonntag, Oktober 29th, 2006

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Ludwig van Beethoven: Septett für Violine, Viola, Klarinette, Horn, Fagott, Violoncello und Kontrabass, Es-Dur op. 20 (Eterna Stereo 825549 - LP aus der Ludwig van Beethoven-Gesamtausgabe)

Es spielt die Kammermusikvereinigung des Gewandhausorchesters Leipzig (Gerhard Bosse, Dietmar Hallmann, Kurt Hiltawsky, Waldemar Schieber, Werner Seltmann, Friedemann Erben und Konrad Siebach). Die Aufnahmen entstanden im Juni 1965 (meine LP stammt jedoch von 1976). Musik- und Tonregie (so formulierte man die Aufgabe eines Tonmeisters beim VEB Deutsche Schallplatten Berlin - DDR) hatte Bernd Runge.

Selten habe ich einen so “natürlichen” Raumeindruck auf LP erlebt. Über eine gute Anlage klingt die Aufnahme ganz und gar nicht hallig, sondern die Instrumente stehen schön definiert in einem großen Raum, dessen Boden ihren Klang reflektiert.